Montag, 6. Mai 2013

Der Buchhändler aus Kabul

"Der Buchhändler aus Kabul" von Asne Seierstad



erschienen am 01.03.2004 
List Verlag
ISBN 9783548604305 

302 Seiten
















Inhalt:

Fünf Monate verbrachte Åsne Seierstad bei der Familie des Buchhändlers Sultan Khan in Kabul, lebte ihren Alltag und sammelte ihre Geschichten: von arrangierten Ehen und wertvollen Büchern, von der Freiheit des Geistes und der zaghaften Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Sie zeichnet das Porträt eines Buchhändlers mit Charisma, der Bücher über alles liebt - und dabei doch das klassische Oberhaupt einer islamischen Familie bleibt.

Meine Rezension:

Das Buch hat mich gefesselt, weil es aus einer fremden und fernen Kultur erzählte. Von Frauen und Männern, die viele verschiedene Kriege und Herrschaften erlebt haben. Von Kindern, die bisher noch keine Friedenszeit in ihrem Leben hatten und von den vielen Veränderungen durch die jeweiligen Machthaber. 

Afghanistan kenne ich nur aus den Medien und weiß daher kaum etwas über die Menschen, deren Kultur und Leben. Asne Seierstad hat mehrere Monate mit einer Großfamilie zusammengelebt und sie kennengelernt. Sultan ist in dieser Familie das Oberhaupt. Er bestimmt was gemacht wird, wer zur Schule gehen darf, wer arbeiten muss und welchen Mann die Schwestern heiraten müssen/dürfen. Es gibt sie noch immer - die verkaufte Braut. Die Familie mit dem höchsten Ansehen und den besten Aussichten auf Sicherheit, Geld und Macht bekommt die Braut. Selten sind es Liebesheiraten, meistens verbunden mit Tränen, Angst und Trauer bei den Frauen. Sie müssen ihre Familie verlassen und dürfen diese auch nur noch mit Erlaubnis des Mannes besuchen. Das Haus dürfen sie nicht ohne Begleitung verlassen und arbeiten gehen, dürfen auch nur die wenigsten Frauen. Sie sind die Putzfrauen, die Köchinnen, die Trösterinnen, die Sündenböcke für die gesamte Familie. Sie stehen in der Hierarchie ganz unten, vorallem, wenn sie unverheiratet sind. 

Als Leser schwankt man zwischen Ablehnung und Achtung. Viele Dinge, die wir hier erleben und machen, sind für uns so selbstverständlich, aber für diese Menschen gelten sie nicht. In vielen Dingen werden sie in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt und unterdrückt (nicht nur die Frauen). Doch Afghanistan war auch einmal anders. Modern, bunt, lustig, laut und fröhlich. Mit modisch gekleideten Frauen, die zur Schule und an die Universität gingen, die arbeiteten und frei waren. Auch die Burka müssen die Frauen erst seit einigen Jahren tragen und war früher keine Pflicht oder religiöse Vorgabe. Interessant waren auch die Beschreibungen, wie es sich unter diesem Kleidungsstück "lebt", wie anstrengend und belastend sie ist und wie wenig Freiheit und Luft sie den Frauen lässt.

Ich fand das Buch interessant und fesselnd und beklemmend zugleich. Von vielen Dinge wußte ich nichts und staunte so manches Mal. Aber es gibt wohl auch eine Schattenseite von diesem Buch, denn die Autorin wurde von Sultan (der Hauptfigur) verklagt. Er klagt sie an, ihn und seine Kultur falsch verstanden und beschrieben zu haben. Seine Ehre würde sie angreifen, seine Kultur verleumden und Lügen verbreiten. Beide stehen jetzt vor Gericht. Sie getraut sich momentan nicht in dieses Land, weil sie bereits bedroht wurde. Seine Familie ist aus Afghanistan geflüchtet und versucht neu anzufangen.

Man ist als Leser hin und hergerissen. Was ist wahr? Was ist übertrieben oder gar gelogen? Oder stimmt alles und der Buchhändler versucht nun Schadensbegrenzung, weil er die Wirkung des Buches unterschätzt hat? 

Ich weiß es nicht. Das Buch ist trotzdem lesenswert, aber mit Vorsicht zu bewerten. Aus diesem Grund bleibt das Buch "ohne Sterne".



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