Mittwoch, 10. August 2022

Meine Île de Ré

"Meine Île de Ré"
von
Bernd Eilert
 
Foto: Buchstabenfestival
 
erschienen am 26.07.2022
ISBN:9783866486539
192 Seiten
mareverlag

Inhalt:

Wangerooge im Dauerregen, Eltern im Dauerstreit: Bernd Eilerts erster Kindheitsurlaub führte zunächst nicht zu einer Leidenschaft für Inseln. Erst viel später findet er in der Île de Ré doch noch »seine« Insel, die mit ihrem diskreten Charme und dem Mangel an offensichtlichen Sehenswürdigkeiten der ideale Ort für Müßiggänger und Entdeckungen ist. Als säßen wir mit ihm bei einer Portion Austern, unterhält uns der Autor mit Beobachtungen französischer Ferienroutine und Betrachtungen alter Inselorte. 
 
Er nimmt uns mit auf Radtouren entlang der Salzbecken, in denen die Pyramiden aus Fleur de Sel in der Morgensonne funkeln. Er präsentiert uns seine Apologie der Schickimickis oder sinniert über Rés Besucher und Besatzer – vor allem aber über ein Kunstwerk, das er von der Insel mitgebracht hat: das Porträt eines Knaben im Matrosenanzug, dessen rätselhafter Herkunft er schließlich auf die Spur zu kommen glaubt.
 
Meine Meinung:

Was für ein spannendes und geschichtsreiches Porträt von der Île de Ré. 

 Bernd Eilert erzählt von seiner Suche nach der perfekten Sehnsuchtsinsel, "seiner" Insel. Er bereist viele Inseln, um sie zu entdecken und erzählt kurz, warum sie nicht seine Insel werden konnten. Was macht eigentlich diesen Sehnsuchtsort aus? Warum kehren viele Menschen zu einem bestimmten Ort (meistens aus ihrer Kindheit) zurück? 

 Bernd Eilert entdeckt seinen Sehnsuchtsort durch seine Frau. Es ist Île de Ré. Eine Insel, die von den meisten Touristen übersehen wird, was wohl an der Ruhe und das Fehlen von Parties, Aufregung und klassischen Sehenswürdigkeiten liegt. Der Insel fehlen die spannenden Punkte, auf die sich die Touristen normalerweise stürzen. Die Festivals, Feste und andere besondere Aktivitäten sind nicht vorhanden. Was die Insel allerdings mehr als genug hat, sind geschichtliche Anekdoten, viele Stunden zum Fahrrad fahren, Bücher lesen und schreiben, Malen und Sinnieren und vor allem Nichtstun. Also Entspannung und Abschalten. 

 Das wird auf viele Lesende wahrscheinlich schrecklich langweilig wirken, aber wenn man sich auf die Geschichte von dem Autoren einlässt, erfährt man viele geschichtliche Anekdoten, den ein oder anderen bekannten Künstler- und Autorennammen. Seine unterhaltsame Art die Geschichte wiederzugeben, ließ mich die Zeit beim Lesen vergessen lassen. 

 Am Ende klappte ich das Buch zu und wusste, das ist nicht mein Sehnsuchtsort, aber schön war es trotzdem. 


Foto: Buchstabenfestival

4 von 5 Sternen

Samstag, 6. August 2022

Über Carl reden wir morgen

"Über Carl reden wir morgen"
von
Judith W. Taschler 
 
Foto: Buchstabenfestival
 

erschienen am 11.04.2022
ISBN:9783552072923
464 Seiten
Zsolnay Verlag

Inhalt:

Fast hat man sich in der Hofmühle damit abgefunden, dass Carl im Krieg gefallen ist, als er im Winter 1918 plötzlich vor der Tür steht. Selbst sein Zwillingsbruder Eugen hätte ihn fast nicht erkannt. Eugen ist nur zu Besuch, er hat in Amerika sein Glück gesucht und vielleicht sogar gefunden. Wird er es mit Carl teilen? Lässt sich Glück überhaupt teilen? 
 
Judith W. Taschler hat einen großen Familienroman geschrieben. Über drei Generationen verfolgen wir gebannt das Schicksal der Familie Brugger, deren Leben in der Mühle vor allem die Frauen prägen. Das einfühlsame Porträt eines Dorfes, ein Buch über Abschiede und die Liebe unter schwierigen Vorzeichen, über den Krieg und die unstillbare Sehnsucht nach vergangenem Glück.

Meine Meinung:

 Judith W. Taschler ist für mich eine Autorin, die genau weiß, wie sie die Lesenden an ihre Geschichte bindet. Sie will volle Aufmerksamkeit für ihre Geschichten und für ihre sehr greifbaren Charaktere. Zu Recht.

Ich hatte den Fehler gemacht und das Buch in sehr kleinen Häppchen (ein paar Seiten vor dem Schlafengehen) gestartet. Das ging bei dieser umfassenden Geschichte nicht. Ich kam nicht in die Geschichte, die Charaktere verschwammen und am Ende verlor ich den Faden. Also nahm ich mir die Zeit und setzte mich hin und las. Mehrere Stunden bzw. viele Seiten auf einmal und die Geschichte öffnete sich und zog mich mit. Die Bilder wurden größer und farbiger, die Charaktere bauten sich durch die vielen Details auf und auf einmal lebte man geistig mit den Figuren in deren Welt.

Diese Welt war nicht einfach. Karg, arbeitsreich, voller Hürden, Widerstände und Trauer. Der Krieg zerreißt die Familie, die alten Traditionen erschweren das Zusammenleben und doch gibt es immer wieder Hoffnung. Die Geschichte rund um den ersten Weltkrieg ist nichts für zarte Seelen. Sehr detailliert werden Kampfszenen und Verwundungen sowie Amputationen beschrieben. Das Kriegsleben mit all den traurigen, grausamen und brutalen Facetten. Die Beschreibungen dringen ein und sorgen dafür, dass es nicht nur für den Charaktere schwer wird, sondern auch für den Lesenden.

Judith W. Taschler erzählt aus verschiedenen Perspektiven und baut mehrere Handlungsstränge auf, die sie ganz langsam miteinander verbindet. Oft hatte man das Gefühl, dass man den Charakter nun kennt, weiß, was er will, wer er ist und doch dreht sich das Blatt, eine Wendung und der Lesende erhält einen anderen Blick auf diesen Charakter. Die vielen Drehungen und Perspektivenwechsel sowie die unverhofften Verknüpfungen sorgen für eine durchgehende Spannung und ein gutes Tempo. Das Ende war überraschend, aber so passend und ein Cliffhanger für die nächsten Lebensjahre der Familie Brugger? 

Eine Leseempfehlung, mein Highlight im ersten Lesehalbjahr.

Foto: Buchstabenfestival

5 von 5 Sternen

 

Mittwoch, 27. Juli 2022

Schwalbenwinter

"Schwalbenwinter"
von
Klaus Jensen

Foto: Buchstabenfestival

erschienen am 16.05.2022
ISBN: 9783347636682
512 Seiten
tredition Verlag

Inhalt:

Die älteren Generationen der Familie Johannson ist tief in Nationalismus und Faschismus verstrickt. Die Vergangenheit wird nach dem 2. Weltkrieg tabuisiert. Auch über die Herkunft der Familie wird die jüngere Genaration im Unklaren gelassen. Stück für Stück lüften die Geschwister Hermann und Josi die Geheimnisse und finden ungeahnte Abgründe, die weit über ihre Vermutungen hinausgehen. Die Familie wird beinahe durch Schuld und Tod auseinandergerissen.

Drei verschiedene Erzählebenen über mehr als hundert Jahre, verweben sich im Laufe der Story immer stärker miteinander. Es entsteht ein Sittengemälde Deutschlands und der Stadt Hamburg von 1900 bis 1960.

 Meine Meinung:

Eine große Familiengeschichte, die u.a. die Probleme der Nachkriegszeit deutlich aufzeigen. Sprachlosigkeit und Misstrauen zwischen der Kriegsgeneration und deren Kindern. Was passierte in den Jahren? Wer trägt die Schuld? Und hoch ist davon der Anteil der eigenen Eltern? 

Thor Hermann und Freya Viktoria sind die Nachkommen von Matthias und Birgit Johannson. Der Vater ein strammer Nationalsozialist der ersten Stunde, der mit eiserner Hand seine Kinder erzogen hat und nun mit dem Nachkriegsgeschehen und dem Verhalten der Kinder hadert. Was hat ihn so hart und nationalistisch werden lassen? Warum verweigert er die Aufarbeitung der Vergangenheit? Welche Machenschaften existieren noch immer? Der Lesende reist durch mehrere Jahrzehnte und erlebt, wie bestimmte Ereignisse einen Menschen prägen können und wie schwer es ist, aus diesen Kreisen auszubrechen. Der Autor lässt dafür mehrere Handlungsstränge parallel laufen und wechselt immer wieder die Jahrzehnte, um die Geschichte voranzutreiben. Die Handlungsstränge werden im Laufe der Geschichte immer enger miteinander verbunden. Immer mehr Schichten werden aufgebrochen und freigelegt. Was sie dabei offenlegen, ist teilweise nur schwer zu ertragen.

Grundsätzlich finde ich verschiedene Zeitebenen sehr gut und hilfreich, um die Emotionen und Handlungen der Charaktere besser verstehen und einordnen zu können, aber bei dieser Geschichte waren mir die Sprünge zwischen den Zeiten zu häufig. Nach nur wenigen Seiten wechselte man wieder in ein anderes Jahr und wurde so zu oft herausgerissen. Leider hat der Autor durch die Zeitsprünge ein wichtiges Ereignis selbst gespoilert und somit auch die Spannung etwas reduziert. Zudem wurden unheimlich viele Absätze eingefügt, die eigentlich nicht notwendig gewesen wären. Dialoge wurden so auseinander gerissen, was mich beim Lesen irritierte. Die Idee des Stammbaumes vor dem Prolog fand ich gut, aber die zusätzlichen Informationen unter den Namen der Familienmitglieder waren, aus meiner Sicht, eher ungünstig gewählt worden. 

Jedoch ist die Grundidee der Geschichte sehr gut. Die Aufarbeitung der Familiengeschichte, die Verknüpfungen zu früheren Ereignissen sowie die Wut und Ohnmacht der Kinder gegenüber den Eltern und der Großmutter waren gut beschrieben und interessant. Die Zeitsprünge und die vielen Absätze haben jedoch den Lesefluss bei mir leider erheblich beeinträchtigt. Vielleicht lässt sich hier in der nächsten Auflage noch etwas ändern.

Foto: Buchstabenfestival

 3 von 5 Sternen 

Sonntag, 24. Juli 2022

Waldinneres

"Waldinneres"
von
Mónica Subietas

 
Foto: Buchstabenfestival

 
erschienen am 27.04.2022
ISBN: 9783103970838
256 Seiten
Fischer Verlag

Inhalt:

Eine Flucht vor den Nazis und ein Geheimnis, das bis in die Gegenwart reicht.

Ein jüdischer Kunstsammler rettet sich mit Fluchthelfern vor den Nazis in die Schweiz, doch seine Spur verliert sich im Dickicht eines Waldes. Zurück bleibt nur sein Gehstock, darin eingerollt ein kleines Gemälde. Siebzig Jahre später betritt Gottfried Messmer das Foyer einer Bank in Zürich. Im Schließfach seines Vaters findet er einen echten Klimt. Wie kam sein Vater an dieses Bild? Und wo ist sein wahrer Besitzer? Gottfried muss sich einem Familiengeheimnis stellen, das weit in die Geschichte seines Landes zurückreicht.

Meine Meinung:

Das Buch hat nur 256 Seiten und genau hier liegt mein Problem, meine Kritik. 

Es ist einfach zu kurz. 

Zu kurz, um die interessanten Charaktere wirklich kennenzulernen. Es waren viele Figuren, die zu unterschiedlichen Zeiten gelebt haben und die alle ihre hellen und dunklen Seiten hatten. Aber sie konnten sich nicht entfalten und ausbreiten. Sie waren bis zum Schluss wie entfernte Bekannte.

Zu kurz, für die vielen Themen, die die Autorin in die Geschichte eingewebt hatte. Raubkunst, Flucht und Tod, komplizierte Familienverhältnisse und unausgesprochene Tatsachen sowie die Liebesgeschichte. Die Themen laufen parallel durch die Geschichte und werden am Ende miteinander verbunden. Sie werden zu schnell abgehandelt. Leider, denn gerade die Handlungsstränge Raubkunst und Vergangenheitsbewältigung hätten, aus meiner Sicht, ausführlicher und tiefer behandelt werden können. 

Zu kurz, um ein wirklich gelungenes Ende zu schaffen. Das Tempo überschlug sich zum Schluss. Hier wollte die Autorin leider alles klären und auflösen. Aus meiner Sicht wären ein paar offene Enden ganz gut gewesen. Nicht jede Frage kann gelöst bzw. geklärt werden. Mir war das Ende zu hektisch, zu konstruiert und gewollt. Schade.

Aber, die Geschichte hat mich trotzdem mitgenommen und mir gute Lesestunden beschert. Ich mochte den Schreibstil der Autorin und die Grundidee ihres Buches hat mir auch sehr gut gefallen. Nur mit ein paar Seiten mehr und dadurch etwas mehr Tiefe wäre es richtig rund geworden.

 

Foto: Buchstabenfestival

3 von 5 Sternen